Schulschließungen: Wie gehen Schulen mit Ungleichheit um?

Dieser Beitrag wurde von Katharina Poltze und Felicitas Macgilchrist gemeinsam geschrieben.

Wenn die Bildungschancen so ungleich verteilt sind, wie sie es in Deutschland sind, wird sich das, befürchten viele Beobachter*innen, während der Covid-19/Corona-Pandemie noch verstärken. Wie können Eltern die schulische Bildung ihrer Kinder auch in diesen krisenhaften Zeiten unterstützen und die Erwartungen von Schulen und Lehrkräften erfüllen? Wie können Lehrkräfte die Eltern dabei unterstützen? Wie kann die Bildungspolitik die Eltern entlasten?

Beobachten wir die aktuelle Diskussion und Praktiken, bilden sich derzeit drei Gruppierungen.

  1. In der ersten Gruppe (Desinteresse) wird Ungleichheit schlicht nicht in Betracht gezogen. Viele Redebeiträge über digitale Bildung, e-Learning, #HomeSchooling, Schulschliessungen oder remote teaching fokussieren vorwiegend darauf, wie das Lernpensum der regulären Schule möglichst schnell online gestellt werden kann. Sie beklagen den desolaten Digitalisierungszustand Deutschlands und sehen sogar eine Chance für Innovation in der aktuellen Situation.
  2. In einer zweiten Gruppe (Defizitdenken) wird die Ungleichheit der Teilhabe an zuhause stattfindenden Bildungsprozessen bedacht, aber Eltern werden dafür verantwortlich gemacht. Wir haben Freitag in Deutschlandfunk Kultur gehört, dass sich Eltern aus sozioökonomisch benachteiligten Gegenden um die Bildung ihrer Kinder während der Coronakrise „nicht kümmern“ würden oder wollten.
  3. In der dritten Gruppe (Sorgearbeit) stellen einige Beobachter*innen die Sorge um andere in den Vordergrund und fragen sich, wie die vielbeschäftigen Eltern es schaffen sollen, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen — vor allem solche, die nicht zuhause vier Notebooks und schnelles Breitband haben, die noch zur Arbeit fahren, die aus bildungsbenachteiligten Familien kommen, die sich um vorerkrankte oder ältere Familienmitglieder kümmern, oder die alleinstehend die Herausforderungen unseres neuen Alltags versuchen zu meistern. Es gibt keine einfache Antwort, aber Flexibilität, Entlastung und die Orientierung an der Lebenswelt aller (wirklich aller!) Schüler*innen stehen im Vordergrund.

Die Lehrerin einer unserer Kinder formulierte diese dritte Perpektive in einer E-Mail gestern am klarsten: 

Liebe Eltern,
hier kommen noch einmal spezifischere Anregungen für eure Kinder. Versteht dies bitte als Möglichkeiten und nicht als ein Muss, falls ihr Schwierigkeiten in der aktuellen Situation in der Umsetzung habt.

„Anregungen“, nicht „Aufgaben“. Und „Möglichkeiten“ statt „Muss“. Danke! Einige weitere Überlegungen haben wir unten zusammengestellt.

Der Landesverband alleinerziehender Mütter und Väter in Bayern schrieb Kultusminister Michael Piazolo:

Wir fordern Sie auf: Bitte nehmen Sie Druck aus der Situation! Stellen Sie öffentlich klar, dass die Eltern nicht die Schule ersetzen müssen. Dass zu Hause nur dem Schulalter entsprechend neuer Stoff erarbeitet werden soll. Dass kein Schulkind Angst haben muss, schlechte Noten zu bekommen oder sitzen zu bleiben, weil die Aufgaben nicht oder nur teilweise verstanden wurden. Dass in den unteren Klassenstufen der neue Stoff in der Schule noch einmal wiederholt wird, bevor er prüfungsrelevant wird.

Hintergrund: Desinteresse und Defizitdenken in Corona-Zeiten

Die erste Gruppe (Desinteresse) lässt außer Acht, dass viele Kinder, die heute zuhause lernen, mit ihren Eltern (im Homeoffice) den Rechner teilen; keinen ruhigen Raum haben, in dem sie sich konzentrieren können; auf Geschwister aufpassen; oder genauso durch ihre Sorgen und der aktuellen Dynamik abgelenkt sind, wie viele Erwachsene, die sich auch nicht auf ihre reguläre Arbeit konzentrieren können (wie mindestens eine der Autorinnen dieses Beitrags!). Dieser Strang lässt auch den Unterschied zwischen dem Einsatz digitaler Medien in der Schule und den Notmaßnahmen außer Acht, die für remote teaching eingesetzt werden. Diese Unterschiede sich technisch, sozial, pädagogisch, kommunikativ.

Die zweite Gruppe entspricht einem „Defizit-Denken“ („deficit thinking“), einem „blaming the victim“, in dem auf angeblich gutes oder schlechtes Elternverhalten fokussiert wird und marginalisierte Eltern zur „Zielscheibe der Kritik“ werden, wie auch Doris Bühler-Nienberger konstatiert:

So entpuppt sich die Rede vom mangelhaften Erziehungsverhalten ärmerer Leute als eine wenig begründete Abwertung tieferer sozialer Schichten, als eine Legimitation sozialer Unterschiede durch eine Defizitrhetorik. (Bühler-Niederberger 2016: 289)

Diese Defizit-Rhetorik übersieht die vielfältigen (strukturellen) Mechanismen und Prozesse, die soziale (Bildungs-)Ungleichheiten und Bildungsungerechtigkeiten (auch außerhalb von Corona) bedingen, wie ein ungerechtes (Bildungs-)System, stattfindende Diskriminierungs- und Ausgrenzungsprozesse sowie sozioökonomische Marginalisierung der Familien, die als „bildungsfern“ bezeichnet werden.

Flexibler und lebensweltorientierter Ansatz

Dabei zeigen Studien, zum Beispiel von Spela Razpotnik und Kolleg*innen mit ihrer partizipativen Aktionsforschung (participatory action research) „Lifeworld-Oriented Family Support“, auf, dass Eltern mit niedrigerem sozioökonomischem Status ein großes Interesse daran haben, ihre Kinder zu unterstützen. Sie berichten jedoch häufig vom Gefühl, von Bildungsakteuer*innen und Expert*innen mit ihren Problemen von Tür zu Tür geschickt zu werden und letztendlich allein gelassen zu werden. Die Akteure im (formalen) Bildungssystem berichten auch davon, dass sie nicht wissen, wie sie diese Familien unterstützen können, da sie die  strukturellen Probleme erkennen (Volltext im PDF hier).

Um Eltern bildungsbenachteiligter Kinder zu unterstützen, schlagen die Forscher*innen einen lebensweltorientierten Ansatz vor, um

flexiblere und konsistentere Formen der Unterstützung zu entwickeln, die auf die Sorgen und Herausforderungen des täglichen Lebens gefährdeter Familien reagieren. (Razpotnik et al. 2016: 115)

Die Problematik des Defizit-Denkens und einer mangelnden Unterstützung bildungsbenachteiligter Familien könnte sich in Zeiten von Corona und Schulschließungen verstärken, vor allem wenn unterstellt wird, Eltern würden sich nicht kümmern.

Wie können wir als Eltern, ohne Garten oder andere Ausweichmöglichkeit und ohne Arbeitszimmer die Arbeit und das Lernen zu Hause organisieren? Wie können wir als Eltern im Homeoffice noch die Zeit finden, unsere Kinder ausreichend zu unterstützen? Was, wenn wir die Informationen von Schulen und Lehrkräften nicht verstehen?

Die dritte Gruppe, die wir oben beschreiben (Sorgearbeit) betont, dass es in Zeiten wie diesen besonders wichtig ist, sich solcher Problematiken immer wieder bewusst zu werden und Familien kreativ, flexibel und niedrigschwellig zu unterstützen. Aus der Lektüre finden wir die folgenden Punkte am wichtigsten:

Oder wie ein Lehrer in Göttingen–der nicht nur der Langsamkeit zustimmen wollte–uns schrieb:

Deswegen versuche ich folgenden Kompromiss: Jeder sollte versuchen, jetzt etwas Sinnvolles zu tun. Kein blinder Aktionismus, aber auch keine „Coronaferien“.