TikTok – Erfahrungsbericht und Ideen

Janina Becker

Gerade in den letzten Wochen ist uns allen vermehrt der Nutzen von Sozialen Netzwerken aufgefallen. Das Social Distancing verlangt alternative Kommunikationswege: Treffen mit der Clique finden über Skype statt, Nachbarschaftshilfen organisieren sich über Facebook-Gruppen, Lehrkräfte tauschen sich über die neuen Herausforderungen über twitter aus (#twlz). Jugendliche nutzen ihre Kanäle.

Es gibt eine unzählige Vielzahl an Social Media Kanälen. Als Medienpädagogin versuche ich irgendwie up-to-date zu bleiben und bin sehr stolz auf mich! Ich weiß, dass Facebook relativ out ist, Twitter vor allem von Erwachsenen genutzt wird und das Instagram eigentlich Insta heißt, wie ich dort Stories erstelle und Likes auf Reactions vergebe. Doch ich bin der Zeit wieder einmal hinterher:

Noch angesagter scheint bei Jugendlichen zur Zeit TikTok zu sein.

Was ist TikTok eigentlich?

Ursprünglich handelte es sich bei TikTok um die App musical.ly, bei der es vor allem um Lippensynchronisation beliebter und bekannter Songs ging. 2018 kaufte die chinesiche Firma bytedance diese auf und brachte TikTok auf den Markt. Seitdem stiegen die Nutzer*innenzahlen immens. Im Oktober 2019 waren es weltweit ca. 800 Millionen User. (futurebiz.de/artikel/tiktok-statistiken-2019)

Bei 12-13 Jährigen belegt tiktok 2019 Platz 2 der meistgenutzen Social Media Kanäle, nur WhatsApp wird häufiger genutzt. (https://www.bitkom.org/sites/default/files/2019-05/bitkom_pk-charts_kinder_und_jugendliche_2019.pdf)

Doch was steckt hinter dieser zunächst simplen Idee, kurze Video von sich zu drehen?

Um das herauszufinden, habe ich mich auf unbekanntes Terrain begeben und bin zu einer #over30 -tiktok-Userin geworden.

Faszination TikTok

Kaum installiert, geht es direkt los. Nach dem Öffnen wird mir ein Video angezeigt, möchte ich es nicht sehen, kann ich nach oben wischen, dann erscheint direkt das nächste kurze Video. Dabei handelt es sich um ziemlich viel verrückten Nonsense. Lippensynchronisation spielt eine große Rolle: neben Songs, zu denen die Darsteller*innen in den Videos tanzen oder posieren, werden auch Filmszenen oder politische Statements nachgespielt und veralbert.

Für mich erscheint TikTok als ein Kanal, der vor allem die Fähigkeit über sich selbst lachen zu können in den Vordergrund stellt. Es werden aber auch ernste und kritische Themen wie bspw. bodyshaming oder sexuelle Orientierung behandelt (unter #bodypositivity und
#lgbtq+ finden sich kritische, ermunternde und ehrliche Videos ).

Technisch ist die App sehr niedrigschwellig. Die Videos sind schnell erstellt, die Handhabung intuitiv. Die Videos können 15-60 Sekunden lang sein, die App bietet einen einfachen, aber effektvollen Bearbeitungsmodus. Es können Filter und Linsen aktiviert werden, auch hier reichen die Möglichkeiten von völlig albern bis professionell. Es können außerdem Mixed-Reality Elemente eingebaut werden. Hinter der App liegt eine riesige Datenbank an Sounds und Songs, die ebenfalls sehr einfach in die Videos integriert werden können, was die Lippensynchronisation sehr einfach macht.

Als Netzwerk funktioniert die App, wie viele andere, über Follower, Likes und Kommentarfunktionen. Zu mehr Interaktion fordern die sogenannten Hashtag-Challenges auf. Die User*innen werden aufgefordert zu einem bestimmten Thema Videos zu erstellen und diese unter einem bestimmten Hashtag, z.B. #PunicaDanceChallenge oder #wrongleverchallenge zu veröffentlichen.

Jugendliche nutzen diese Hashtags auch für Austausch. Unter #homeschoolcheck oder #homeschool zeigen Schüler*innen ihren Alltag im Homeschooling währender der Covid-19-Krise und das überall auf der Welt, z.B. in Deutschland, Indonesien, Ecuador.

Kreatives Potenzial wird vor allem durch die Eingrenzung der Möglichkeiten (Zeit, Musik-Auswahl) entwickelt, die einfache Handhabung macht die Erstellung eines Videos kurzweilig.

TikTok für Schule und Unterricht

In den USA haben einige Lehrkräfte diese technischen Einfachheiten und die Beliebtheit der App bei Jugendlichen für ihren Unterricht genutzt. Ein Geschichtslehrer aus Gaithsburg in Maryland hat beispielsweise seinen Schüler*innen die Möglichkeit gegeben, anstatt des Verfassens eines Essays ein tiktok-Video als Ergebnissicherung zu drehen. Die Schüler*innen sollten in diesem kurzen Video zeigen, was sie über den Missouri-Kompromiss von 1820 gelernt hatten.

Diese Form der Inhaltsreduktion kann zum Erreichen eines Lernziels förderlich sein, denn sie verlangt eine intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten, die kreative Umsetzung fördert die Sicherung des Gelernten.

Die Schüler*innen kennen TikTok und nutzen diese App in ihrem Alltag, was die Hemmschwelle zur Nutzung für den Unterricht senken kann. Jennifer Gaither, eine Schulbibliothekarin drückt es auf edweek.org folgendermaßen aus:

„TikTok is “sort of its own language and it’s the language that teenagers speak […] It’s incredibly popular with them.”

Durch die Nutzung eines Tools, das bei den Schüler*innen sowohl beliebt, als auch bekannt ist, kann außerdem die intrinsische Motivation gefördert werden. Die Bewertung der Videos über Likes aus der Community oder – je nach Einstellung und Vorgaben der Lehrkräfte – nur aus dem Klassenverband, kann für eine Gamifizierung (wer bekommt die meisten Likes?) genutzt werden. Auch die beliebte und bei den Schüler*innen bekannte Form der Interaktion durch Hashtag-Challenges oder Duette kann die Motivation, ein besonders gutes (im Sinne des Lernziels)Video zu erstellen, fördern. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass es sich um eine „Spaß“-App handelt. Die Schüler*innen sollten in ihrer eigenen TikTok-Sprache bleiben und albern sein dürfen.

Die Seite edweek.org gibt außerdem auch noch

4 Tipps zum Gebrauch von TikTok im Unterricht:

  1. TikTok kann eine ansprechende Möglichkeit sein, den Unterricht zu beleben. Es ist eine mögliche Alternative zu anderen Videoplattformen, sagte ein kalifornischer Pädagoge.
  2. TikTok hat das Potenzial, sich zu einer Mobbing-Plattform zu entwickeln, zum Teil deshalb, weil Benutzer die Videos der anderen kommentieren können und weil einige Benutzer die Videos anderer Leute auf YouTube einstellen, um sich über sie lustig zu machen.
  3. Einige Befürworter des Datenschutzes haben Bedenken, dass Schüler*innen ihre Daten Social-Media-Plattform teilen, weil unklar ist, was Unternehmen damit machen.
  4. Wie andere Social-Media-Plattformen hat auch TikTok eine dunkle Seite. Einige Videos sind hochgradig sexuell explizit oder zeigen Selbstverletzungen.

(aus dem Englischen, meine Übersetzung)

TikTok selbst bietet auch Lernmaterial. Gerade in dieser Krisenzeit entstehen hier, wie auch auf YouTube, Videos zum Selbstlernen. Die Welt-Gesundheitsorganisation (@who) nutzt TikTok um gegen Falschmeldungen zur Covid-19-Krise entgegen zu wirken. Auf dem Kanal des Bundesminesteriums für Gesundheit (@bmg_bund) werden Erklärvideos zum Coronavirus zur Verfügung gestellt. Von privaten User*innen entstehen Videos unter #homeschooling, auch unter #elterntipps finden sich mitunter kreative Ideen.

Hierbei entstehen auch Videos von Jugendlichen, die sich mit der Situation des Unterrichts über Video-Chat beschäftigen oder Familien, die gemeinsam  selbstironisch die Situation betrachten.

Zur Erstellung von TikTok Videos bieten User*innen Hilfe an. In unterschiedlich aufwendigen Tutorials werden bestimmte Effekte erklärt und gezeigt. 

Kritik an TikTok

Wie in den 4 Tipps von edweek.org bereits angedeutet, ist TikTok – wie auch andere soziale Medien – nicht unkritisch zu betrachten.

TikTok stand zum Beispiel in der Kritik, Zensur zu betreiben, sollten systemkritische Äußerungen in den Videos gegen China auftauchen (es wurde ein Konto einer Userin gelöscht, die sich kritisch zur Verfolgung uigurischer Muslime in China äußerte, TikTok entschuldigte sich später für diesen Fall). Außerdem wurde TikTok vorgeworfen, Menschen mit Behinderungen die Verbreitung ihrer Videos zu erschweren. 

Auf netzpoltik.org werdend die Moderationspraktiken von TikTok beschrieben und die Filter durch die die Videos müssen, erklärt.

Was sollten Eltern wissen?

Wie auch andere soziale Medien bietet TikTok eine Plattform zur Selbstdarstellung und -inszenierung. Aber auch einen Raum zum Ausprobieren und Kennenlernen.

Austausch, angemessenes Verhalten in verschiedenen sozialen Zusammenhängen, das Ablösen vom Elternhaus bei gleichzeitigem Erhalt von Verbundenheit, Ausgestaltung der eigenen Rolle im Geschlechterverhältnis u.v.m. sind Aufgaben bei der Identitätsfindung der Jugendlichen. Virtuelle Räume können Kindern und Jugendlichen „vielfältige Anregungen sowie Alternativen zum unmittelbaren Erfahrungsraum und sanktionsfreie Erprobungsmöglichkeiten bieten“ (Tulodziecki et al. 2019). Dennoch gibt es zu bedenken, dass gerade Datenschutz (eine kritische Betrachtung des Datenschutz bei TikTok findet sich u.a. hier) beachtet werden sollte. Die Vielzahl an Ausgestaltungsmöglichkeiten einer „online“ Identität kann zu Identitätsdiffusion führen; die Grenze bei der Selbstdarstellung zwischen Authentizität und Performance ist schmal. Es ist daher wichtig, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Bewegung durch diesen virtuellen Begegnungraum (Hölterhof 2020) und ihrer Mediennutzung begleitet (und nicht nur kontrolliert) werden.

Für Eltern gibt es bei TikTok interessante und wichtige Einstellungsmöglichkeiten.

Unter den Privatsphäre-Einstellungen kann eingstellt werden, wer dem Kanal folgen und wer kommentieren darf.

Eine Besonderheit, die TikTok bietet, ist das „Digital Wellbeing“:

Im Begleiteten Modus werden die TikTok- Konten der Eltern mit dem der Kinder verknüpft. Vor der Nutzung von TikTok müssen die Kinder und Jugendlichen zunächst den QR-Code des Kontos der Eltern einscannen, bevor die App genutzt werden kann.

Die Erziehungsberechtigten können dann einstellen, wie lang ein Familienmitglied Videos anschauen darf, es können bestimmte Inhalte ausgeschlossen werden und wer dem Familienmitglied über TikTok Nachrichten schicken darf.

Außerdem kann eine Bildschirmzeit eingestellt werden. Dies kann von Eltern, aber auch von jedem User selbst eingestellt werden: Nach Ablauf der Zeit muss ein zuvor festgelegter Code eingegeben werden, um die App weiter zu nutzen. Voreingestellt sind 60 Minuten (in Deutschland verbringen TikTok-User*innen im Schnitt 52 Minuten mit der App (s. https://www.col.org/news/col-blog/importance-tiktok-type-videos-learning)).

TikTok kann aber auch – und das ist auch wieder für den Unterricht interessant – ohne die Onlinefunktionen genutzt werden.

Videos können erstellt werden, dabei stehen auch alle Filter- und Linsenfunktionen zur Verfügung, und danach heruntergeladen werden, so dass sie als lokale Datei auf dem Handy gespeichert sind, ohne dass sie im Netzt öffentlich sind (die Videos sind dennoch online, da die App die Daten über ihre Server speichert).

Zum Abschluss…

Zum Abschluss möchte ich euch, liebe Leser*innen, mein erstes TikTok-Video auch nicht vorenthalten – inspiriert von meiner Lockdown bedingten Sehnsucht nach Meer…