Beyond homeschooling – Freizeitgestaltung bei Kindern und Jugendlichen während der Corona-Krise

Ein Beitrag von Katharina Poltze

Auch wenn die Schulen in Deutschland langsam wieder öffnen und viele Kinder und Jugendliche wenigstens einige Tage in der Woche in die Schule gehen können, sind wir noch weit davon entfernt, dass Schule und ‚zusammen lernen‘ wieder ‚wie gewohnt‘ laufen. Vielmehr ist der schulische Alltag von Regeln und Pflichten, Geboten und Verboten bestimmt, von Maskenpflicht und Abstandsregeln, markierten Wegen und gestaffelten Pausenzeiten.

Und auch der außerschulische Alltag von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist derzeit immer noch von Einschränkungen bestimmt, von social distancing und der Reduktion sozialer Kontakte, vom (digitalen) Lernen zuhause und (ungewohnter) familiärer Nähe. Das hat die Lebenswelten aller Kinder und Jugendlichen in den letzten Monaten stark verändert.

Wird jedoch über die Situation der Kinder und Jugendlichen berichtet oder nachgedacht, scheint sich dies häufig auf Aspekte des Homeschoolings oder Bedingungen des häuslichen Lernens zu beschränken, Kinder und Jugendliche scheinen hauptsächlich auf ihre Rolle als ‚Schüler*innen‘ reduziert, die ihre Prüfungen absolvieren und ‚gebildet‘ werden sollen. 

Betrachten wir aktuelle öffentliche Diskussionen und die mediale Berichterstattung der letzten Wochen und Monate, lassen sich mindestens zwei Arten des Nachdenkens und Sprechens über Kinder und Jugendliche beobachten:

A: In der ersten Gruppe werden Kinder und Jugendliche hauptsächlich in ihrer Rolle als Schüler*innen thematisiert, es geht um Lernbedingungen und Homeschooling, es wird darüber nachgedacht, wie Lernen und Bildung trotz Schulschließungen gewährleistet werden (können), wie Unterrichtsinhalte ins Digitale und nach Hause ‚verlagert‘ werden können bzw. wie digitaler Unterricht stattfinden kann (z.B. #twlz). In letzter Zeit wird vermehrt diskutiert, wie zu einem flächendeckenden Regelunterricht zurückgekehrt werden kann und wie es nach den Sommerferien weitergehen wird. Darüber hinaus liegt der Fokus auf Leistung und Prüfungen, so wurde bspw. intensiv diskutiert, wie die Abiturprüfungen unter Corona-Bedingungen durchgeführt werden können. Alternative Vorschläge, die Schüler*innen entlasten könnten und ihre Sorgen und Ängste ernstnehmen, bspw. die Idee eines ‚Durchschnitts-Abitur‘, für das auch viele Petitionen eintraten, wurden meist abgelehnt oder schnell wieder verworfen, wie auch unter dem #schulboykottDE oder #Durchschnittsabitur festgestellt und diskutiert wird und wurde.

B: Im zweiten Strang werden Kinder und Jugendliche innerhalb des Nachdenkens über Familie oder aus Elternperspektive thematisiert (z.B. #elterninderkrise, #coronaeltern) es geht bspw. darum, wie das Lernen zu Hause klappt, wie Homeschooling und Homeoffice (gleichzeitig) funktionieren, es geht um Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren und die den Großteil der Arbeit mit den Kindern stemmen, um neue geschlechterbedingte Ungerechtigkeiten. Des Weiteren werden Themen wie häusliche/sexuelle Gewalt, schlechte familiäre Bedingungen und soziale Ungleichheiten angesprochen.

Seltener wird darüber nachgedacht oder berichtet, wie Kinder und Jugendliche selbst ihre Situation momentan empfinden und was sie zu sagen haben. Noch seltener kommen Kinder und Jugendliche in der (öffentlichen und medialen) Berichterstattung selbst zu Wort. Wie sie mit den Veränderungen ihrer Lebenswelten klarkommen, nicht nur auf das Lernen und die Schule, sondern auch auf die vielen anderen wichtigen Dinge ihres Alltags bezogen. Wie sie damit umgehen, dass die sozialen Kontakte zu ihren Freund*innen von jetzt auf gleich für viele Wochen stark reduziert wurden.

Jugendliche, die sonst Vereinssport oder andere Hobbies ausüben oder sich in Jugendzentren oder draußen mit ihren Freund*innen und Peer-Groups treffen, müssen größtenteils darauf verzichten. Auch sie können momentan nur virtuell mit ihren Freund*innen Kontakt halten und kommunizieren und vermissen den realen Kontakt zu Freund*innen und Bekannten, wobei dies von Jugendlichen weltweit als Verlust empfunden wird.

Für jüngere Kinder wie meine Tochter (6 Jahre), die kein Smartphone besitzen und noch dazu auf ihre Eltern angewiesen sind, um Kontakte zu ihren Freund*innen zu halten, die sie sonst täglich in der Schule sehen, ist die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte außerhalb der Familie noch schwieriger – und diese Kinder werden meist auch noch weniger gehört als Jugendliche, die zumindest auf social media Plattformen ihre Meinung außerhalb der Familie kommunizieren können.

Auch eine aktuelle Studie von Sabine Andresen und Kolleg*innen zu Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen, die sich mit der Situation von Jugendlichen auseinandersetzt und diese dazu online befragt haben, kommt zu der Erkenntnis, „wie einseitig junge Menschen derzeit betrachtet und welche gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Verhalten gestellt werden“(S.4). Zudem haben vor allem Jugendliche den Eindruck, dass sie „ausschließlich als Schüler*innen wahrgenommen werden“ (ebd.), die funktionieren und „lernen und lernen und lernen“ (ebd.) sollen. Dabei fühlen sich viele junge Menschen mit dem (selbstständigen und digitalen) Homeschooling überfordert, sie kritisieren, dass die Vielfalt ihrer Lebenssituationen bei politischen Entscheidungen nicht mitgedacht werden, dass ihre Sorgen und Interessen nicht zählen und/oder gehört würden (vgl. S.11).

Dabei zeigt die Studie auch: Jugendliche und Kinder möchten mitreden, sie wollen partizipieren und teilnehmen. Sie wollen an Meinungsbildungsprozessen teilnehmen und sie fühlen sich von uns Erwachsenen und Politikern häufig nicht gehört oder überhört!

Zu kurz kommen aber nicht nur das Gehört-Werden und die sozialen Kontakte, gerade jüngere Kinder müssen viel von ihren Eltern beim Homeschooling unterstützt werden – das ‚Selbst‘ und ‚Alleine‘ Tun, dass Kinder eigentlich lieben, die selbstständige Beschäftigung mit Inhalten, die nicht nur für die Schule relevant sind, kommt nach meiner eigenen Erfahrung mit meiner Tochter zu kurz. Gut finde ich deshalb (digitale) Angebote, die die Kinder (und Jugendlichen) selbst adressieren und ihnen ermöglichen, sie möglichst alleine und selbstständig zu nutzen.

Lehrer*innen und die Inhalte im Homeschooling fokussieren außerdem hauptsächlich die Kernfächer, wie Deutsch oder Mathe. Natürlich sind diese ohne Frage wichtig, wenig Beachtung findet meiner Ansicht nach jedoch Kreatives, Künstlerisches oder Musisches. Dabei ist es für Kinder sehr wichtig, auch außerhalb des fachlichen Lernens Erfahrungen zu sammeln, (mit anderen) zu spielen, sich kreativ auszuleben, Dinge herzustellen, mit unterschiedlichen Materialien zu arbeiten, sich künstlerisch zu betätigen, denn

„…the core of creative development consists of the real-time transactions between the child and the child’s social (teacher, peers, etc.) and material environment (the task).” (Kupers et al. 2019:114)

Ich möchte daher abschließend einige (digitale) Angebote für Kinder und Jugendliche empfehlen, die jenseits von schulischen Inhalten und Lernen möglichst folgende Aspekte umsetzen:

Beispiele für digitale Angebote, die diese Kriterien meiner Ansicht nach sehr cool und kreativ umsetzen bzw. umgesetzt haben, sind:

Einige weitere coole Ideen: