bpb-Game Jam 2021: binär und mehr – Ein Erfahrungsbericht

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Ein Beitrag von Janina Becker


(c)bpb

Am vergangenen Wochenende (08.01.-10.01.) fand der jährlich von der Bundeszentrale für politsiche Bildung (bpb) veranstaltete Game Jam mit dem diesjährigen Thema „binär und mehr“ statt.

Seit 2016 werden Game Jams zu unterschiedlichen Themen der politischen Bildung von der bpb veranstaltet und finden über ein Wochenende (meist Anfang Januar) in Berlin statt.

Wie wir wissen, ist zur Zeit alles etwas anders, und so hat der diesjährige Game Jam auch komplett online stattgefunden und ich durfte dabei sein!

Gemeinsam mit etwa 100 weiteren Spiel-Begeisterten habe ich ein Wochenende mit viel Bildschirmzeit und wenig Schlaf verbracht.

Spielentwickler*innen-Profis, Grafik-Designer*innen, angehende Game-Designer*innen, (Medien)Pädagog*innen, Lehrkräfte: unterschiedlichste Menschen kamen mit Interesse am Thema „binär und mehr – Gender und Diversity“ zusammen, um digitale Spiele zu entwickeln, die zukünftige Spielenden zur Auseinandersetzung und Reflexion dieses so präsenten Themas anregen.

Zum Einstieg gab es am Freitag, d. 08.01., einen aufschlussreichen Impulsvortrag „binär und mehr“ von Nina Kiel, welcher allen Teilnehmenden einen Überblick über Begriffe, Problematiken und geschichtliche Entwicklung des Themas Gender geben sollte. Der restliche Tag wurde dann, durch zwei Barcamp-Phasen von den Teilnehmenden selbst gestaltet. In der ersten Phase wurde unter anderem diskutiert, wie nicht Queere-Personen für das Thema sensibilisiert werden könnten, was Drag eigentlich ist, Geschlechtsstereotype Klischees uvm.

Die zweite Phase nahm viele der zuvor diskutierten Themen wieder auf, nun aber mit Blick auf Games: Wie können Klischees dargestellt werden, ohne  sie zu reproduzieren? Wie verhält es sich mit Gaming (und der Gaming-Szene) und Frauen? usw.

Der erste Tag endete (offiziell) nach viel Input mit einem Ideen-Pitch. Viele Teilnehmenden stellten ihre ersten Ideen für Spiele vor, die von den vorherigen Diskussionen angeregt oder bereits in den Jam mitgebracht wurden, kurz vor. Dabei konnte es sich um klare inhaltliche Ideen bis hin zu ersten spielmechanischen Umsetzungsideen handeln.

Rund um die Ideen bildeten sich interessengeleitete Teams.

Für mich besonders spannend, klang die Idee, einen Paketboten auf seiner Arbeit zu begleiten, der in Situationen gebracht wird, in denen Gender – mitunter auch nur subtil – eine Rolle spielt.

Das um diese Idee enstandene Team setzte sich aus unterschiedlichen Fachbereichen (Pädagogik, Medienwissenschaft, Soziale Arbeit, Grafikdesign, Theater) und ebenso unterschiedlich ausgeprägten Kompetenzen zusammen. Gemeinsam hatten wir lediglich rudimentäres Wissen zum Codieren digitaler Spiele. Doch – und das ist etwas, was ein Game Jam so wunderbar vermittelt – sollte nur eine kleine Hürde auf dem Weg eines ersten Spiel-Prototypen sein.

Der ganze Samstag (und etwa die halbe Nacht) bestand für unser Team nun darin, eine Story zu entwickeln, ein Spiel zu codieren und es in eine spielbare Form zu bringen.

Es bedurfte eines schnellen und klaren Projektmanagements. Doch die Aufgaben waren schnell verteilt: Einige kümmerten sich um Grafiken, die in das Spiel eingebaut wurden, andere recherchierten nach Sounds oder kümmerten sich um eine klare Storyline. Ich habe das Coding übernommen.

Als klar war, dass unser Spiel eine Visual Novel (also einer Geschichte, die immer wieder Auswahlmöglichkeiten zum weiteren Verlauf der Handlung stellt) werden sollte, entschieden wir dieses in dem Programm Ren’Py umzusetzen. Dieser Visual Novel Engine bietet eine vereinfachte Programmiersprache, die das Erstellen von Visual Novels erleichtert. Und so konnte ich innerhalb weniger Zeit mithilfe von YouTube Tutorials und viel trial&error das Coding unseres Spiels vornehmen.

Neben Hürden in der technischen Umsetzung waren natürlich auch die inhaltlichen Aspekte immerwieder diskussionswürdig: Wie erzeugt man eine unangenehme Situation in Bezug auf Gender, ohne Stereotype zu reproduzieren oder doch nur wieder eigene Zuschreibungen vorzunehmen?

Durch die tolle Teamarbeit und Support aller Jam-Teilnehmenden und der Organisator*innen haben wir es geschafft, unseren Prototypen mit fünf Spielsequenzen bis zur gesetzten Frist am Sonntag im 11Uhr auf itch.io hochzuladen.

Unser Spiel „Ein neuer Tag“ war eines von 14 innerhalb von 72 Stunden entstandenen digitalen Spielen. Alle Spiele wurden in der großen Runde vorgestellt und durch Emojis im Chat, lustige GIFs und Feedback honoriert.

Darauf folgte eine einstündige Testspielphase, in der jede*r Teilnehmende die Spiele der anderen spielen und bewerten konnte.

Die Bewertung von „Ein neuer Tag“ auf itch.io

Bewertet wurden die Spiele nach 5 Kategorien, in denen jeweils 5 Sterne vergeben werden konnten (BILD): Umsetzung des Themas, Bockt (d.h. macht Spaß zu spielen), Augenschmaus, Ohrenschmaus, Geht ans Herz.

Unser Spiel schaffte es in der Gesamtwertung auf Platz 14, in der Kategorie Geht ans Herz sogar auf Platz 7 – ein voller Erfolg.

Die besten drei Spiele wurden in der Abschlussrunde am Sonntagnachmittag noch einmal hervorgehoben. Mit vielen müden aber zufrieden in die Kamera blickenden Gesichtern, viel positivem Feedback und ganz viel Herzlichkeit endete der Game Jam.

Mein persönliches (didaktisches) Fazit

Beim bpb-Game Jam 2021 „binär und mehr“ handelte es sich um meinen zweiten und meinen ersten komplett online stattfindenden Game Jam. Aus meiner medienpädagogischen Sicht ziehe ich ein kleines (didaktisches) Fazit zu den Tools und zu Spielen bzw. Spielentwicklung als Vermittlungsstrategie.

Umsetzung online:

Ausschnit discord: # zeigen Text-, der Lautsprecher Sprachchannels

Der gesamte Game Jam fand im Kommunikationstool discord statt, einzelne Zusammentreffen wiederum in Zoom, da in discord die Möglichkeit die Kamera einzuschalten auf 50 Personen begrenzt ist. Discord bietet die Möglichkeit eigene Server einzurichten und dort Sprach- und Textchannels (letzte funktionieren dann ähnlich wie Text-Chats) festzulegen. So gab es eine klare Struktur und ich wusste immer, welche Informationen ich wo finde.

Obwohl die online Umsetzung so ihre Tücken mit sich brachte (mein Internet war schlecht, das eines Teammitglieds fiel am Sonntag komplett aus), sorgte es auch dafür, dass ich in Einzelarbeitsphasen sehr konzentriert arbeiten konnte, so dass mein Team am Samstagnachmittag schon viel weiter war, als mein Team bei meinem erstem Game Jam nach gleicher Zeit in präsenz (und dass, obwohl dort jemand programmieren konnte!).

Discord ist kostenlos, fordert aber eingerichtete Accounts zur Nutzung und einige Zeit sich auf der Oberfläche zu Recht zu finden.

Die Sprachchannels in discord machten kurzfristigen Austausch möglich: Wir blieben einfach online und konnten bei Fragen schnell das Mikro anschalten und miteinander sprechen.

Die gemeinsame Bearbeitung des Code-Scripts für das Spiel war schwierig, da das Programm RenßPy eine lokal gespeicherte Datei verlangt, so mussten wir, um Probleme zu lösen, viele Dateien hin und her schicken. Die vereinfache Programmiersprache sorgte für schnelle und visuell sehr ansprechende Erfolge, was meine Motivation dranzubleiben, stärkte.

Ergebnisse:

Ich bin erstaunt, wie viele tolle Spiele in so kurzer Zeit entwickelt wurden, mit wieviel Bedacht an das Thema herangegangen wurde und mit wieviel Kreativität umgesetzt.

Die didaktischen Überlegungen wie man dieses komplexe Thema in ein Spiel übersetzt, verlangte von allen Teilnehmenden Reflexionfähigkeit, Empathie und eine Grundlage an fachlichem Wissen zum Thema.

Das am besten bewertete Spiel war „What’s your Gender?“ (vom Team Purple Sloth (ein Indie-Game Entwicklerstudio)): die Spielenden befinden sich in einer anti-architektonischen Szenerie und erfahren durch das betreten unterschiedlicher Räume vieles über Geschlechtsbezeichnungen, Pronomenwahl usw. Das Spiel verknüpft die Visualisierung einer Nicht-Festlegung mit Informationen.

Eine andere – aber wie ich finde wirkungsvolle – Herangehensweise zeigt das Spiel „blobify“ (von Crabman). Die Spielenden sind aufgefordert unterschiedliche Songs den Genres Baroque oder Techno zuzuordnen – schnell wird klar, dass Songs dabei sind, die nicht in diese zwei Kategorien passen. Für mich ein didaktisch eleganter Kniff zur Sensibilisierung für die Eingeschränktheit von Heteronormativität.

Spiele und Spielentwicklung erscheinen als wirkungsvolle Vermittlungsstrategie vieler Kompetenzen und bieten sich durch das Zusammenwirken unterschiedlichster Fähigkeiten für heterogene Gruppen an.

Ich bin mir sicher jede*r geht aus diesem Game Jam heraus mit einem erstellten Produkt, auf das er*sie stolz ist, viel (neuem) Wissen und Perspektiven zur Gender-Debatte und neuen oder erweiterten Fähigkeiten im Entwickeln von Spielen.